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    Spiegel

    Spiegel

    Veröffentlicht am 29. November 2025
    ATMEN KANN JEDER. Zumindest dafür braucht man keinen Coach, keine Ausbildung und keine elektronischen Hilfsmittel. Oder etwa doch? Der Mediziner Hanscarl Leuner aus Göttingen kam vor einem halben Jahrhundert zu der Überzeugung, dass richtiges Atmen eine Kunst sei. Er unterrichtete Autogenes Training, eine Entspannungsmethode, bei der die Konzentration auf den Atemfluss eine zentrale Rolle spielt. Dabei fiel ihm auf, dass viele Kursteilnehmer zu nervös und aufgekratzt waren, um das Ein- und Ausströmen der Luft aufmerksam zu verfolgen - und sich daher nicht entspannen konnten. Die Atmung versorge den Organismus nicht nur mit Sauerstoff, glaubte der Mediziner. Sie habe größeres Potential. Andere glauben das auch. Für den Münchner Atemtherapeuten und Heilpraktiker Roland G. Krügel ist der Atem »eine Quelle der Lebenskraft und der Selbstheilung«. Fließe die »Atemdruckwelle«, wie Experten sagen, ungehindert durch den gesamten Körper, so fördere das die Gesundheit und Regeneration. »Die von ihren Mustern befreite Atembewegung dringt bis in Strukturen des Körpers vor, die selbst Physiotherapeuten und Osteopathen nicht erreichen können«, sagt Krügel. Durch den ursprünglichen Atemrhythmus würden auch die inneren Organe sowie feine Muskelstränge im Bereich der Wirbelsäule massiert. Deshalb bieten Therapeuten wie Krügel ihren Klienten spezielle Stimm- und Bewegungsübungen an. Historisch weit zurück reichen die Wurzeln fernöstlicher Meditationstechniken wie Qigong, die den Atemfluss als Kraftquelle nutzen. Übende sollen dabei lernen, in ihre Körpermitte (chinesisch »Tan Tien«, japanisch »Hara") hineinzuatmen, die ein Stückchen unterhalb des Bauchnabels liegt. Der 1996 verstorbene Mediziner Leuner erfand in den siebziger Jahren ein Trainingsgerät: den »Leunomed«. Das Prinzip ist simpel: Ein elektronischer Sensor erfühlt während des Ein- und Ausatmens die Bewegungen von Bauch oder Brustkorb - und begleitet sie mit Ton- und Lichtsignalen. Durch diese Rückmeldung werde sich der Atemfluss der Übenden harmonisieren und die Luft tiefer und gleichmäßiger ein- und ausströmen, lautet Leuners Theorie: Wer fleißig trainiere, lerne mit der Zeit, auch in Stresssituationen darauf zu achten, dass sein Atem weiterhin ruhig fließt - und werde ausgeglichener und leistungsfähiger. Wunschdenken?
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